Satya: Wahrhaftigkeit durch Schattenarbeit

Hand aufs Herz: Satya, Wahrhaftigkeit (Yamas & Niyamas)

Satya, der zweite ethische Grundsatz im Yoga Sutra, wird oft als „Wahrhaftigkeit“ übersetzt. Aber was bedeutet es, wirklich wahrhaftig zu sein – nicht nur anderen, sondern vor allem uns selbst gegenüber? Satya beginnt dort, wo wir uns die unbequemen Fragen stellen: Was treibt mich wirklich an? Wovor habe ich Angst? Das Yoga Sutra legt nahe: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und unsere blinden Flecken erkennen, dann klappt es auch endlich mit dem Manifestieren.

Authentizität vs. Inszenierung

Satya („Wahrhaftigkeit“) soll, wie die anderen Yamas, als ethische Grundlage des Yoga helfen, dass wir uns verstärkt auf unsere Praxis konzentrieren können. Denn wenn wir ständig durch äußere Konflikte abgelenkt werden, ist es schwierig, sich nach innen zu wenden und einen friedlichen Geist zu erleben. 

„Du sollst nicht lügen“ ist dabei nur eine Facette von Satya. Wahrhaftigkeit hat viele Gesichter. Ist dein Instagram-Account authentischer Selbstausdruck oder eine Hochglanz-Sammlung, die vor allem beeindrucken und ein bestimmtes, wohlkuratiertes Bild von dir erwecken soll? Lebst du deinen Werten entsprechend, oder sind es eher Lippenbekenntnisse? Wir könnten jeden zwischenmenschlichen Austausch auf dieser Skala zwischen Authentizität, (Selbst-)Verleugnung und Selbstinszenierung untersuchen, wenn wir uns dem Thema Satya nähern wollen.

Unter dem Strich stellen wir dabei vermutlich fest: Ein ehrlicher, vertrauensvoller Umgang mit anderen macht das Leben in vielerlei Hinsicht unkomplizierter. Jede Art von bewusster „Inszenierung“ hingegen (egal ob mit guten oder schlechten Absichten) kostet Energie und mentale Kapazitäten, um sie aufrecht zu erhalten. 

So weit, so einleuchtend.

Auf der einen Seite können wir also sagen: Satya ist eine Voraussetzung dafür, dass unsere spirituelle Praxis (Sadhana) voranschreiten und unsere Meditation sich vertiefen kann.

Ehrlichkeit beginnt bei dir selbst

Bei genauerer Betrachtung können wir aber feststellen: Diese Entwicklung verläuft nicht nur in eine Richtung, sondern ist vielmehr eine Wechselwirkung: Denn auch die spirituelle Praxis fördert unsere Kapazität für Wahrhaftigkeit und dafür, wie viel Wahrheit wir überhaupt „aushalten“ können.

In der Meditation wird dein Geist zunehmend ruhiger. Du lernst dich selbst (auch nach Jahren noch) besser kennen. Du erkennst immer klarer deine typischen Denkmuster.

Diese Innenschau mithilfe von Meditation und Selbstreflexion ermöglicht es, ehrlicher mit dir selbst zu sein. Denn eigentlich beginnt das Prinzip von Satya oder Wahrhaftigkeit genau dort: in deinem Inneren und in der Beziehung zu dir selbst.

Erst reflektieren, dann reagieren

Es gibt ein schönes Zitat des österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl, das in der Psychologie, im Coaching oder auch im Resilienztraining sehr beliebt ist. Es verdeutlicht gleichzeitig sehr anschaulich die entspannende Wirkung von Meditation, wenn wir durch sie Abstand zu den üblichen äußeren Reizen gewinnen:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

Viktor Frankl

Und dieser Raum ist es auch, in dem wir Satya, Wahrhaftigkeit, kultivieren! Wir haben nicht nur die Macht zur Wahl unserer Reaktion, sondern auch die Macht zu hinterfragen, welche tiefsitzenden Wünsche, Begierden oder Ängste unsere impulsiven Reaktionen leiten.

Satya beginnt in dem Moment, in dem wir uns bewusst werden, was die Beweggründe hinter den Dingen sind, die wir sagen, entscheiden und tun.


Hol dir 11 Tage Klarheit: Minikurs mit Meditation und Selbstreflexion

Mehr Klarheit, mehr Satya

Wenn du den Wert der Wahrhaftigkeit tiefer erforschen möchtest, unterstützt dich mein Minikurs „11 Tage Klarheit“ mit Meditation, Reflexionen und täglichen Impulsen.


Schattenarbeit: ein Bewusstwerdungsprozess

Schattenarbeit ist also im Grunde eine Satya-Praxis. Dabei geht es darum, die Facetten von dir wieder zu erkennen und anzunehmen, die du verdrängt oder unterdrückt hast, weil sie auf irgendeine Weise „unerwünscht“, „inakzeptabel“ oder einfach unangenehm waren. 

Du kannst es dir vorstellen wie in dem Disney-Film „Die Eiskönigin 2“: Elsa folgt (fasziniert, aber auch ein bisschen ängstlich und widerwillig) dem Ruf einer mysteriösen Stimme nach Ahtohallan. Dort erkennt sie, dass sie selbst die Quelle der Magie ist, vor der sie sich ihr ganzes Leben lang gefürchtet hat. Erst als sie diesen Teil von sich annimmt – zu ihrer eigenen Wahrhaftigkeit zurückkehrt –, kann sie ihr volles Potenzial leben.

Genauso werden wir mit jedem „Schatten“, jedem „blinden Fleck“, den wir ins Licht unseres Bewusstseins rücken, ein kleines bisschen ehrlicher zu uns selbst – und haben die Möglichkeit, unsere Reaktion zu wählen.

Schon lange bevor mit Carl Jung die „Schattenarbeit“ unter diesem Namen Einzug in die moderne Psychologie gehalten hat, setzte die Yogatradition auf ebensolche Kontemplationen. Dort heißt so ein Schattenthema „Vikalpa“. 

Vikalpas sind Zweifel und alle anderen Kräfte, die den Wünschen und dem Streben deiner Seele entgegenwirken.

Satya und Selbstliebe als zutiefst tantrische Ideale

Egal ob wir sie Schatten oder Vikalpas nennen wollen: Ablehnung ist keine Lösung. Schließlich sind diese Teile ja erst durch Unterdrückung oder Ausgrenzung zu einem Hindernis für unsere Weiterentwicklung geworden. Es geht nicht darum, uns für unsere Erkenntnisse zu verurteilen, wenn wir bemerken, dass wir uns (mal wieder) selbst im Weg standen. Jede Kurskorrektur darf vor allem eins sein: liebevoll.

Satya und Schattenarbeit sind auch zutiefst tantrische Praktiken und folgen den Leitsätzen aus dem tantrischen Weltbild, wie sie in der Himalaya-Tradition gelehrt werden:

Love all, hate none. Embrace all, exclude none.

Die Aufgabe ist also: Wir dürfen mit den unbequemen Teilen von uns endlich wieder Frieden schließen! Auch das ist Satya.

Und natürlich hat das eine Außenwirkung. Wenn wir mit uns selbst mehr im Reinen sind und wir die innere Zerrissenheit zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein abmildern, haben wir auch weniger Konflikte und Missverständnisse im Umgang mit anderen. Einer der Gründe, warum ich es liebe, Meditation zu unterrichten, ist nicht umsonst: Innerer Frieden ist ansteckend.

Satya bedeutet auch: Du manifestierst – immer!

Wenn du dich schon mal bei dem Gedanken ertappt hast, dass Manifestieren „esoterischer Quatsch“ ist oder „sowieso nicht funktioniert“, dann ist das ein Zeichen, dass du mehr Satya gebrauchen könntest.

Wir denken manchmal, dass Manifestation nicht wirkt, wenn wir noch nicht die Dinge oder Situationen erschaffen haben, die wir uns bewusst wünschen. Je mehr wir uns aber mit Meditation, Journaling und Schattenarbeit beschäftigen, desto mehr stellen wir fest: Unsere Überzeugungen, Glaubenssätze und Bewältigungsstrategien, die uns oft nicht bewusst sind, formen, wie wir die Welt erleben und in ihr agieren. Und unser Unterbewusstsein kreiert dabei häufig Situationen, die unser denkender Verstand eigentlich nicht will oder nicht mag.

Diese Zusammenhänge zu erkennen und ehrlich mit uns selbst zu sein, führt uns auch vor Augen: Wir „manifestieren“ eigentlich immer! 

Was erlebst du immer wieder? Und was könnte dir das spiegeln?

Satya hinterfragt: Wie haben wir diese Realität selbst geschaffen (durch unser eigenes oder gar kollektives Unterbewusstsein)?

Das Yoga Sutra sagt auch ausdrücklich, dass Manifestation ein Ergebnis von Satya ist:

Wenn Praktizierende in der Wahrhaftigkeit verankert sind, beginnen die Handlungen Früchte zu tragen.“

(YS 2:36, zitiert aus Pandit Rajmani Tigunait, „Die Praxis des Yoga Sutra – Sadhana Pada“)

Natürlich wollen wir vor allem positive Dinge und unsere Herzenswünsche manifestieren. Das funktioniert, wie Panditji ausführt, „wenn der Geist frei von belastenden Gedanken und Gefühlen ist“. Panditji erklärt:

„Unser leuchtender Geist nimmt unsere Absicht sofort wahr. Da der Geist dieser Absicht keinen Widerstand entgegensetzt, verwandeln die ihm innewohnenden Kräfte und Qualitäten die Absicht in lebendige Wirklichkeit.“

(Kommentar zu YS 2:36, zitiert aus Pandit Rajmani Tigunait, „Die Praxis des Yoga Sutra – Sadhana Pada“)

Schattenarbeit (wie jede Satya-Praxis) dient dazu, diese inneren Widerstände und Widersprüche abzubauen. So kommen wir den Zielen des Yoga näher: Freiheit und Erfüllung. Nicht erst wenn wir vollständig erleuchtet sind, sondern schon hier und jetzt.

Wahrhaftigkeit beginnt dort, wo wir – genau wie Elsa – aufhören, vor unserer eigenen inneren Stimme davonzulaufen und ihr stattdessen zuhören. Dann können wir – ebenfalls wie Elsa – die uns innewohnende Magie entfachen und das manifestieren, was wir wirklich wollen.


Zum Weiterlesen: Die Yamas und Niyamas

Dieser Blogbeitrag ist Teil einer wachsenden Themenreihe über die Yamas und Niyamas – die 10 ethischen Grundsätze des Yoga, wie sie im Yoga Sutra aufgezählt werden. Hier findest du alle Texte aus dieser Serie:


Stefanie Seher Porträt

Hi, ich bin Stefanie!

Ich unterrichte Yoga und Meditation und schreibe hier darüber, wie du mehr Verbindung, Tiefe und Erfüllung in deiner Praxis finden kannst – und wie du all das in deinen eigenen Unterricht einfließen lassen kannst.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner