Manche Erfahrungen lassen sich nicht in Worte fassen – und trotzdem sind sie unbestreitbar real. In der Meditation lernen wir, Antworten neu zu erfahren, selbst den Begriff „Antwort“ neu zu definieren. Wie würde sich dein Erleben verändern, wenn es ok wäre, keine Worte haben zu müssen?
Wie Sprache unsere Wahrnehmung formt
Wir sind kulturell so geprägt, dass wir alles erklären und in Worte fassen wollen. Dass wir rationale Beschreibungen finden wollen, die vergleichbar, überprüfbar sind, die der wissenschaftlichen Untersuchung standhalten.
Ich habe ursprünglich Sprachwissenschaft studiert. Damals fand ich es unglaublich faszinierend, wie sich die gesamte Semantik, also die Bedeutungslehre, auf ein Zitat von Ludwig Wittgenstein (aus seinem Tractatus logico-philosophicus) stützt:
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Gemeint ist: Unser Erfahrungshorizont wird durch unseren Wortschatz eingerahmt, um nicht zu sagen – eingegrenzt. Das kann kulturell verschieden sein. So haben indigene Völker in arktischen Regionen ein besonders reichhaltiges Vokabular, um die Farbe, Textur, Beschaffenheit von Schnee und Eis zu beschreiben – in so feinen Nuancen, die Menschen aus anderen Teilen der Erde nicht wahrnehmen. Wie wir die Welt erleben, hängt also auch davon ab, was uns in unserer Kultur zu sehen und zu benennen beigebracht wird.
Und doch ist meine Welt heute nicht mehr durch Sprache begrenzt.
Wenn die Meditation über die Sprache hinausführt
In der Meditation können wir feststellen, dass es mehr gibt. Dass es Erfahrungen und Antworten gibt, die nicht in Form von Worten auftauchen und sich auch nicht zufriedenstellend mit unserem Wortschatz beschreiben lassen.
Wir lernen, dass Antworten auch ein Gefühl, ein Erleben oder eine unverrückbare Gewissheit sein können. Wir spüren eine höhere (tiefere? feinere?) Realität, auch wenn wir nicht zwangsläufig Worte haben, sie zu beschreiben.
So verbindet uns Meditation mit einem universellen Bewusstsein. Dem Bewusstsein, das über die Limitierungen des menschlichen Verstands weit hinausgeht – und sich deshalb auch vielschichtiger erleben lässt als nur über Worte.
Wir erleben, dass unsere Welt so viel mehr ist. Dass die (Sprach-)Wissenschaft bei weitem nicht alle Antworten hat. Und dass Worte mitunter nur ein unbeholfener Versuch der Annäherung sind – als würde ein kleines Kind versuchen, mit Wachsmalstiften die roségolden schimmernde Luft eines Sonnenuntergangs in der Toskana zu zeichnen.

Und im Grunde steht das auch gar nicht im Widerspruch zu Wittgenstein. Es gibt zwar keine Hinweise, dass er irgendetwas mit Meditation oder Spiritualität am Hut hatte – er war durch und durch Denker. Aber auch Wittgenstein erkannte, dass es jenseits von Sprache noch mehr gibt. Denn im selben Werk sagt er später: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“
Meditation eröffnet den Weg dorthin. Wir stehen nicht ratlos vor den Grenzen unserer Welt – wir gehen hindurch und lassen uns eine neue Welt zeigen, die noch viel größer und reichhaltiger ist. Wo uns ein inneres Leuchten erfüllt. Und eine im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreibliche Freude, die keinen Grund und keinen Auslöser braucht.
Etwas nicht wiedergeben zu können, macht es nicht weniger bedeutsam. Manchmal ist hingerissene Sprachlosigkeit Ausdruck des tiefsten Erlebens.


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