Nein, Meditationslehrerinnen sollen natürlich keine Witze reißen und keine alberne Show inszenieren. Aber in einigen Punkten können wir uns tatsächlich von Standup-Comedians inspirieren lassen. Denn sie haben viele Fähigkeiten, die wir auch brauchen, wenn wir Meditation anleiten.
Die Wirkung auf das Publikum
Genau wie Comedians versuchen wir als Meditationslehrerinnen, unser „Publikum“ – Kursteilnehmer, Kunden, Schüler – in eine Auszeit vom Alltag zu führen. Die Zuhörer sollen in einem möglichst entspannten Zustand einen anderen Blick auf die Welt und das Leben bekommen können. Nur dass es nicht wie bei einer Comedy-Show ein bewusst humoristischer Blick ist.
Humor entsteht allerdings genau dadurch, dass die Pointe einen unerwarteten Blickwinkel oder eine unvorhergesehene Deutung offenbart. (Das Thema fand ich schon immer so spannend, dass ich in meinem Übersetzerstudium sogar mal eine Seminararbeit darüber geschrieben habe.) Häufig entsteht die Pointe dadurch, dass sie Themen miteinander verknüpft, die wir vorher noch nie miteinander in Verbindung gebracht haben. Oder dadurch, dass bestehende Annahmen bewusst ausgehebelt werden.
Wenn wir Meditation unterrichten, ist es letztlich nicht viel anders: Wir wollen auch hier eine Wirkung erzielen, die langfristig dazu beiträgt, gewohnte Denkmuster und Glaubenssätze nicht nur aufzudecken, sondern auch hinter uns zu lassen. Wir öffnen für unsere Teilnehmer einen Raum, in dem neue Perspektiven, Einsichten und Klarheit entstehen können.
Je nachdem, in welcher Meditationstradition wir uns zu Hause fühlen, können wir ein ganz eigenes Weltbild entdecken.
Vom Blatt ablesen schafft diese Wirkung nicht
Wir haben also die Pointe, wir ermöglichen mentale Plot-Twists. Aber was macht eine gute Comedy-Performance noch aus?
1. Comedians kennen den Inhalt in- und auswendig.
Klar, wenn man sich vor ein großes Publikum oder Fernseh-Kameras traut mit seiner Darbietung, dann ist man entsprechend vorbereitet. Und um den Spannungsbogen eines kompletten Comedy-Programms aufrecht halten zu können, muss man einfach jedes Detail im richtigen Moment abrufen können.
Mehr noch: Einem guten Comedian merkt man an, dass er das liebt, was er darbietet. (Es soll ja auch solche geben, die sogar während der Show über ihre eigenen Witze lachen.)
Auch eine geführte Meditation wirkt nicht nur durch die gesprochenen Worte allein – sondern durch die Energie der Lehrerin. Wenn wir aus unserer eigenen, langjährigen Erfahrung heraus etwas unterrichten, das wir verkörpern, überträgt sich ein Teil davon und macht es den Teilnehmern leichter, einen eigenen Zugang zur Meditation zu bekommen.
Für eine Kundin in meiner 1:1-Begleitung habe ich kürzlich spontan eine andere Meditation ausgewählt als geplant, weil sie besonders aufgewühlt und mit einem speziellen Thema in unsere Session kam. Anschließend fragte sie mich verblüfft: „Wie machst du das? Du kannst das ja alles auswendig?“ Ja – und es fällt mir leicht, weil es mir durch sehr viel eigene Praxis so vertraut ist.
Entsprechend wirkungsvoll war die Session, wie diese Kundin mir dann am Abend schrieb:

2. Auf das Timing kommt es an.
Eine gute Comedy-Performance wirkt auch deshalb, weil die Künstlerin ein gutes Gespür für Timing hat. Sie kann Sprache, Stimmlage, aber auch Pausen gezielt einsetzen. Ja, Stille ist ein Stilmittel auf jeder Bühne! Die Momente, in denen bewusst nicht gesprochen wird, sind genauso wichtig wie das Gesagte selbst.
Und damit können wir uns als Meditationslehrer ja sehr deutlich identifizieren, oder? Stille ist schließlich unser vertrauter Rahmen.
Aber auch das Timing ist wichtig, zum Beispiel in Atem-basierten Meditationen. Wenn Teilnehmer noch für ca. 10 Atemzüge einen bestimmten Fokus halten sollen, dann müssen wir ihnen genau diese Zeit auch geben, um ihre Erfahrung zu machen. In solchen Situationen stellen gerade angehende Meditationslehrerinnen oft fest, dass sie zu schnell sind. Oder dass sich die Stille beim Unterrichten plötzlich doch ungewohnt anfühlt.
3. Die Stimmung im Raum ist einzigartig.
Gute Comedians sind also so sattelfest in dem, was sie tun, dass sie ihr Publikum mühelos durch eine bestimmte Erfahrung oder humoristische Erkenntnisreise führen. Sie können aber gleichzeitig auch auf die Stimmung im Raum eingehen. Oft müssen sie auf spontane Zwischenrufe oder Unvorhergesehenes reagieren – und dann souverän wieder den Faden aufnehmen.
Auch das ist eine Fähigkeit, die wir brauchen, wenn wir Meditation anleiten. Vielleicht sind es nicht unbedingt Zwischenrufe. Aber dass plötzlich ein Handy klingelt oder die Tür aufgerissen wird, weil sich jemand im Raum geirrt hat, passiert öfter als gedacht.
Genauso dürfen wir offen sein für das, was unsere Teilnehmer mitbringen: Energielevel, Gemütslage oder gesundheitliche Besonderheiten. So wie bei meiner Kundin oben.
Und wir dürfen unsere eigene Intuition schulen und darauf vertrauen, wenn plötzlich etwas Bestimmtes kommuniziert werden möchte.
Egal ob Comedian oder Meditationslehrer: Wer für seine „Darbietung“ starr am Skript kleben muss, erreicht diese Lebendigkeit meistens nicht.
Deine Energie spricht
Ja, es gibt auch einige wenige Comedians, die ganz offen mit dem iPad in der Hand auf der Bühne stehen und ihre Texte vorlesen. Aber weißt du was? Das wirkt, weil dahinter eine starke Persönlichkeit steckt und die Performance immer noch verkörpert ist:
Wenn ein Torsten Sträter Geschichten vorliest, geht uns keine Sekunde lang seine Persönlichkeit oder sein süffisantes Grinsen verloren. Timing und Stimmlage bringt er auch beim Ablesen perfekt auf den Punkt.
Und wenn der schon lange über das Kleinkünstler-Dasein hinausgewachsene Marc-Uwe Kling seine Känguru-Dialoge vorliest, vergisst man vollkommen, dass nur eine einzige Person auf der Bühne steht und das Känguru eine fiktive Figur ist.
Die wenigsten Meditationslehrer, die so stark an einem Skript hängen, schaffen es, eine annähernd immersive Erfahrung zu schaffen. Denn viele (angehende) Meditationslehrerinnen kleben vor allem dann am Blatt, wenn sie in ihrer eigenen Energie (noch) nicht sicher sind und die jeweilige Meditation (noch) nicht verkörpern.
Wie eine Comedy-Show ist auch eine wirkungsvoll angeleitete Meditation ein fließendes Zusammenspiel aus (Auswendig-)Wissen, verkörperter Energie und situativer Intuition.
Und nein, du musst dafür keine Witze reißen. Du musst nur so sattelfest und präsent sein, dass deine Teilnehmerinnen vergessen, dass da jemand vorne sitzt und „unterrichtet“.


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